Ausgangslage
Der Mittelstand ist tragende Säule des Wirtschaftsstandorts Nordrhein-Westfalen.
Viele Unternehmen sind investitions- und transformationsbereit, sehen sich jedoch durch lange Verfahren, hohe Komplexität und mangelnde Planbarkeit ausgebremst.
Wir der Mittelstand in NRW erwarten von der Politik gezielte Entlastungen mit unmittelbarer Wirkung zu realisieren. Hier erste drei prioritäre Handlungsfelder:
Handlungsfeld 1: Genehmigungen
Beobachtung aus der Praxis
- lange Verfahrensdauern
- wechselnde Zuständigkeiten
- fehlende Transparenz für Unternehmen
Arbeitsvorschlag
Mittelstands-Fast-Lane NRW
- Definition geeigneter Investitionsvorhaben (z. B. Erweiterungen, Transformation)
- feste Ansprechpartner je Verfahren
- interne Fristenkoordination
- Pilot in ersten ausgewählten Bezirksregierungen
Erste Schritte
- Benennung zuständiger Referate
- Abgrenzung Pilotumfang
- Zeitplan für Testphase

Mittelstands-Fast-Lane NRW
Handlungsfeld 2: Energie & Transformation
Beobachtung aus der Praxis
- Unsicherheiten bei Netzanschlüssen
- lange Genehmigungsprozesse
- unklare Abläufe
Arbeitsvorschlag
Energie-Praxischeck NRW
- regelmäßiges Arbeitsformat Ministerium ↔ Unternehmen
- Fokussierung auf konkrete Verfahrensfragen
- Ableitung von Vereinfachungen ohne Gesetzesänderung
Erste Schritte
- Festlegung Format & Turnus
- Themenpriorisierung
- erste Pilotfälle

Handlungsfeld 3: Bürokratie
Beobachtung aus der Praxis
- hoher Zeit- und Personalaufwand
- geringe Entlastungswirkung bisheriger Maßnahmen
Arbeitsvorschlag
Bürokratie-Stop-Liste NRW
- Sammlung von zehn besonders belastenden Regelungen
- Prüfung landesseitiger Spielräume
- Bewertung der Entlastungswirkung
Erste Schritte
- Abfrage in den Fachressorts
- Priorisierung nach Wirkung
- Rückmeldung an Unternehmen

Erste Ansätze der zehn besonders belastenden Regelungen
1️⃣ Schriftformerfordernis
bei Befristungen
Rechtsgrundlage: § 14 Abs. 4 TzBfG
Zeitgewinn: sehr hoch (Personalprozesse, Vertragsmanagement)
Warum streichen?
- Schriftform erzeugt Medienbrüche (Druck, Unterschrift, Archiv)
- Kein zusätzlicher Arbeitnehmerschutz gegenüber Textform
- EU-rechtlich zulässig (Vergleich: andere Mitgliedstaaten)
Typisches Gegenargument
„Schriftform schützt vor Missbrauch.“
Entkräftung:
Missbrauchsschutz entsteht durch Inhalt, nicht durch Papier.
Formulierungsskizze
§ 14 Abs. 4 TzBfG wird wie folgt geändert:
„Die Befristung eines Arbeitsvertrages bedarf zu ihrer Wirksamkeit der Textform (§ 126b BGB).“
2️⃣ Nachweisgesetz:
Pflicht zur Papierform
Rechtsgrundlage: § 2 NachwG
Zeitgewinn: sehr hoch (alle Neueinstellungen)
Warum streichen?
- Digitale HR-Systeme sind Standard
- Papierpflicht ist EU-Goldplating
- Hohe Fehleranfälligkeit → Bußgelder ohne Mehrwert
Gegenargument
„Beschäftigte brauchen etwas in der Hand.“
Entkräftung:
Textform + jederzeit abrufbar = besserer Zugang.
Formulierungsskizze
§ 2 Abs. 1 NachwG:
„Der Nachweis kann in Textform erfolgen und elektronisch zugänglich gemacht werden.“
3️⃣ Doppelte Arbeitszeitdokumentation (ArbZG & MiLoG)
Rechtsgrundlagen:
- § 16 Abs. 2 ArbZG
- § 17 MiLoG
Zeitgewinn: extrem hoch (laufende Pflicht)
Warum streichen?
- Zwei Systeme für denselben Sachverhalt
- Fehleranfällig, besonders für kleine Betriebe
- Kein zusätzlicher Kontrollgewinn
Gegenargument
„Mindestlohnkontrolle braucht eigene Daten.“
Entkräftung:
Ein einheitliches System reicht vollkommen.
Formulierungsskizze
§ 17 MiLoG wird ergänzt:
„Die Pflichten nach dieser Vorschrift gelten als erfüllt, wenn eine Arbeitszeiterfassung nach § 16 ArbZG erfolgt.“
4️⃣ Mindestlohn-Dokupflichten (Fristen & Umfang)
Rechtsgrundlage: § 17 MiLoG
Zeitgewinn: hoch (v. a. Handwerk, Gastronomie)
Warum streichen?
- 7-Tage-Frist realitätsfern
- 2-jährige Aufbewahrung überzogen
- Hoher Prüfaufwand bei geringem Risiko
Gegenargument
„Schwarzarbeitsschutz!“
Entkräftung:
Risikobasiert statt flächendeckend.
Formulierungsskizze
§ 17 Abs. 1 MiLoG:
„Die Aufzeichnungspflicht entfällt für Betriebe mit tarifgebundener Entlohnung oder bei Nutzung zertifizierter Zeiterfassungssysteme.“
5️⃣ MiLoDokV – komplexe Schwellen & Ausnahmen
Rechtsgrundlage: MiLoDokV
Zeitgewinn: hoch (Rechtsunsicherheit!)
Warum streichen?
- Unternehmer wissen oft nicht, ob sie betroffen sind
- Fehlanwendung = Bußgeldrisiko
- Reiner Verwaltungsaufwand
Gegenargument
„Differenzierung ist nötig.“
Entkräftung:
Ja – aber einfach.
Formulierungsskizze
MiLoDokV § 1:
„Die Dokumentationspflicht entfällt für Betriebe bis 50 Beschäftigte, sofern kein Anlassfall vorliegt.“
7️⃣ Sozialversicherung: Sofortmeldung (§ 7 DEÜV)
Rechtsgrundlage: § 7 DEÜV
Zeitgewinn: hoch (Personalstart!)
Warum streichen?
- Besonders belastend bei kurzfristigem Personalbedarf
- Technisch überholt
- Trifft vor allem kleine Betriebe
Gegenargument
„Missbrauchsgefahr in Risikobranchen.“
Entkräftung:
Anlassbezogene Kontrollen sind effektiver.
Formulierungsskizze
§ 7 DEÜV:
„Die Sofortmeldung entfällt; an ihre Stelle tritt eine risikobasierte Nachmeldung.“
8️⃣ Statistik-Auskunftspflichten für kleine Betriebe
Rechtsgrundlage: § 15 BStatG
Zeitgewinn: mittel bis hoch
Warum streichen?
- Hoher Aufwand, kaum Erkenntnisgewinn
- Mehrfacherhebung identischer Daten
Gegenargument
„Statistik braucht Daten.“
Entkräftung:
Großbetriebe liefern ausreichend belastbare Daten.
Formulierungsskizze
§ 15 BStatG:
„Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten sind von Auskunftspflichten freizustellen, sofern keine erhebliche Abweichung zu erwarten ist.“
9️⃣ Gefährdungsbeurteilung: Wiederholung ohne Anlass
Rechtsgrundlage: § 5 ArbSchG
Zeitgewinn: mittel
Warum streichen?
- Wiederholungen ohne Änderung
- Formale Pflicht ohne Mehrwert
Gegenargument
„Arbeitsschutz darf nicht verwässert werden.“
Entkräftung:
Anlassbezogen = wirksamer.
Formulierungsskizze
§ 5 ArbSchG:
„Eine Aktualisierung ist nur bei wesentlichen Änderungen der Arbeitsbedingungen erforderlich.“
🔟 Energieauditpflicht (EDL-G) – Schwellen anheben
Rechtsgrundlage: § 8 EDL-G
Zeitgewinn: mittel
Warum streichen?
- Hohe Kosten
- Geringer Nutzen bei energiearmen Betrieben
Gegenargument
„Klimaziele!“
Entkräftung:
Zielgenauer durch Schwellen.
Formulierungsskizze
§ 8 EDL-G:
„Die Auditpflicht gilt erst ab einem jährlichen Energieverbrauch von X MWh.“
Zeit- & Kostenschätzung pro Punkt
Annahmen (für Vergleichbarkeit)
- Stundensatz interne Verwaltung/Office: 45–75 € (Mischsatz)
- Externe Beratung (Steuer/Arbeitsrecht/Compliance): 120–220 €/h
- Drei Betriebstypen:
- Mikro: 1–9 MA
- Klein: 10–49 MA
- Mittel: 50–249 MA
Ergebnis-Tabelle (jährliche Entlastung pro Betrieb)
| # | Maßnahme | Mikro (h / €) | Klein (h / €) | Mittel (h / €) | Kommentar zum Hebel |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Befristung: Textform statt Schriftform | 2–8 h / 100–600 € | 6–20 h / 400–2.000 € | 20–60 h / 1.500–7.000 € | Spart Druck/Unterschrift/Archiv + Fehlerkosten |
| 2 | NachwG: digitaler Nachweis zulässig | 3–10 h / 150–800 € | 10–35 h / 700–3.500 € | 30–120 h / 2.000–15.000 € | Bei Einstellungen & Änderungen massiv |
| 3 | Einheitliche Arbeitszeiterfassung statt Doppelregime | 5–20 h / 250–1.500 € | 25–80 h / 1.500–8.000 € | 80–250 h / 6.000–30.000 € | Der „Dauerbrenner“ (laufende Pflicht) |
| 4 | MiLoG-Doku: Fristen/Scope entschlacken | 5–25 h / 250–2.000 € | 20–120 h / 1.500–12.000 € | 60–300 h / 6.000–45.000 € | Besonders in Branchen mit vielen Aushilfen |
| 5 | MiLoDokV vereinfachen (Schwellen/Default-Ausnahme) | 2–12 h / 100–1.200 € | 10–40 h / 800–5.000 € | 20–80 h / 2.000–12.000 € | Senkt Rechtsunsicherheit + Beratung |
| 6 | AO/HGB-Aufbewahrung harmonisieren | 5–15 h / 300–2.000 € | 20–70 h / 2.000–12.000 € | 60–150 h / 6.000–40.000 € | IT/Archiv/Steuerberatung, v. a. Umstellungsjahr |
| 7 | DEÜV-Sofortmeldung abschaffen/ersetzen | 3–10 h / 150–900 € | 10–30 h / 700–3.500 € | 20–60 h / 2.000–10.000 € | Spart „Startstress“ bei Beschäftigungsbeginn |
| 8 | Statistik-Auskunftspflichten: Schwellen & Once-only | 2–10 h / 100–800 € | 8–30 h / 600–3.500 € | 15–60 h / 1.500–10.000 € | Sehr unterschiedlich je nach Branche/Erhebung |
| 9 | GBU: Aktualisierung nur anlassbezogen | 3–15 h / 200–1.500 € | 10–50 h / 1.000–7.000 € | 20–120 h / 2.000–20.000 € | Spart Wiederholungsdokumente |
| 10 | EDL-G: Audit-Schwellen anheben | 0–2 h / 0–500 € | 0–5 h / 0–1.500 € | 10–50 h / 2.000–20.000 € | Trifft eher größere Unternehmen; da dann stark |
Grobe Gesamtsumme pro Betrieb/Jahr (wenn alles greift):
- Mikro: ~25–120 h / 1.500–10.000 €
- Klein: ~120–455 h / 8.000–50.000 €
- Mittel: ~325–1.250 h / 25.000–220.000 €
Hinweis: Bei #6 (Aufbewahrung) fällt viel Entlastung im Umstellungsjahr an (Projektkosten), danach eher laufend geringer. In einer Vorlage trennt man daher Einmal-Effekt vs. Dauer-Effekt.
