Globalisierung, Technologie, Soziales: Der Mittelstand braucht jetzt verlässliche Leitplanken

Die wirtschaftliche Lage wird derzeit oft in Schlagworten beschrieben: Rezession, Standortkrise, Bürokratie, Fachkräftemangel. In seiner Keynote bei den Wirtschaftsgesprächen 2026 in Mönchengladbach hat Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität, einen größeren Rahmen gesetzt: Die 2020er Jahre sind Schlüsseljahre. Rückblickend werden wir daran messen, ob Deutschlands Erfolgsmodell – Wohlstand, industrielle Stärke, sozialer Zusammenhalt – Bestand hat.

Begegnung mit Marcel Fratzscher bei den Wirtschaftsgesprächen am 28.01.2025 in Mönchengladbach

Fratzscher bringt dafür nicht nur die wissenschaftliche Perspektive mit (u. a. Stationen bei der EZB, Forschung zu Finanzkrisen und Geldpolitik), sondern auch den Blick des Politikberaters, der immer wieder für ein effizienteres Staatswesen, kluge Investitionen und mehr Chancengleichheit wirbt.

Sein Kernpunkt: Wir müssen nicht eine, sondern drei Transformationen gleichzeitig bewältigen. Und genau hier liegt die Relevanz für den Mittelstand – besonders in NRW.


1) Drei Transformationen, die gleichzeitig wirken

(1) Globalisierung neu ordnen

Deutschland ist stark exportabhängig. Fratzscher beschreibt, wie geopolitische Spannungen und eine härtere Handelspolitik (z. B. Zölle, bilaterale Deals, Abhängigkeiten) unser Modell verwundbarer machen. Die Botschaft ist nicht „Export ist falsch“, sondern: Abhängigkeiten müssen reduziert, Lieferketten breiter aufgestellt und Europa als Wirtschaftsraum gestärkt werden.

(2) Technologischer Wandel – Digitalisierung/KI und grüne Technologien KI und Digitalisierung verändern Produkte, Prozesse und Wettbewerbslogik mit enormer Geschwindigkeit. Gleichzeitig zwingt die ökologische Transformation Unternehmen zu Investitionen – eröffnet aber auch neue Märkte. Fratzscher betont den Doppelcharakter: Bedrohung für alte Geschäftsmodelle, Chance für Produktivität, Innovation und neue Wertschöpfung.

(3) Soziale Transformation – der unterschätzte Engpass Hier wird er besonders klar: Uns fehlt gesellschaftliche Akzeptanz für Veränderung. Wenn Menschen Zukunftsangst haben, investieren sie nicht, konsumieren nicht, blockieren Reformen – und Unternehmen finden weniger Fachkräfte und weniger Zustimmung für Wandel. Sein Beispiel: Die verbreitete Erwartung, dass es der nächsten Generation schlechter gehen wird. Das ist wirtschaftspolitisch brandgefährlich.


2) Was das für den Mittelstand in NRW bedeutet

Als Leiter Landespolitik NRW beim BVMW nehme ich aus dieser Analyse drei Dinge mit:

A) Der Mittelstand ist nicht „Betroffener“, sondern Träger der Lösung

NRW ist Mittelstand: Familienunternehmen, Hidden Champions, Industrie-Zulieferer, Handwerk, Dienstleister. Gerade diese Struktur ist eine Stärke, weil sie anpassungsfähig und resilient ist. Aber: Resilienz ist kein Selbstläufer. Sie braucht Rahmenbedingungen, die Investitionen und Tempo ermöglichen.

B) Tempo und Planbarkeit sind entscheidender als Einzelprogramme

Fratzscher hat einen mentalen Punkt angesprochen: Deutschland ist „zu 70 % Psychologie“. Übertragen auf Unternehmen heißt das:

  • Investitionen passieren dort, wo Planbarkeit herrscht (Energie, Regulierung, Steuern, Genehmigungen).
  • Innovation passiert dort, wo Tempo möglich ist (Digitalisierung, Daten, KI-Anwendung, Transfer).

Viele Mittelständler würden investieren – wenn Verfahren, Förderlogiken und Regeln nicht ausbremsen.

C) Fachkräfte sind die Engpassfrage der nächsten Dekade

Fratzscher nennt den Fachkräftemangel die existenzielle Bedrohung der kommenden Jahre. Für NRW ist das bereits Realität: Ohne genügend qualifizierte Menschen geraten Aufträge, Wachstum und Transformation ins Stocken. Das betrifft nicht nur akademische Profile, sondern ebenso Ausbildung, Weiterbildung, Meister- und Technikerqualifikation.


3) ToDos: Was jetzt konkret auf die Agenda gehört

Aus der Keynote lassen sich sehr konkrete Handlungsfelder ableiten – für Politik und Wirtschaft gleichermaßen:

ToDo 1: Investitionen ermöglichen – und Kommunen handlungsfähig machen

Wenn Kommunen einen großen Teil öffentlicher Investitionen stemmen, müssen sie auch die Mittel und die Verfahren haben, um sie schnell umzusetzen: Schulen, Verkehr, Digitalisierung, Energie.

ToDo 2: Bürokratieabbau, der wirklich wirkt

Nicht „noch ein Entlastungsgesetz“, sondern:

  • Genehmigungen beschleunigen
  • Berichtspflichten reduzieren
  • digitalfähige Verwaltung (End-to-End-Prozesse)
  • praxistaugliche Umsetzung statt Komplexität

ToDo 3: Qualifizierung & Erwerbsbeteiligung als Produktivitätshebel

  • Weiterbildung steuerlich/praktisch einfacher machen
  • bessere Anreize für mehr Stunden (wo gewünscht)
  • bessere Vereinbarkeit (Kinderbetreuung, Pflege)
  • Migration schneller in Arbeit bringen (Anerkennung, Sprache, Matching)

ToDo 4: Transformation als Chance – nicht als Bestandsschutz

Fratzscher warnt sinngemäß vor dem Reflex, alles konservieren zu wollen. Für den Mittelstand heißt das: Innovation, neue Geschäftsmodelle, neue Märkte – statt an Strukturen festzuhalten, die nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

ToDo 5: Soziale Akzeptanz aktiv gestalten

Ohne Vertrauen geht es nicht. Dazu gehören: bezahlbares Wohnen, Bildungschancen, faire Teilhabe. Das ist nicht „Sozialromantik“, sondern Standortpolitik, weil es die Basis für Arbeitskräfte, Stabilität und Reformfähigkeit ist.


4) Mein Fazit aus NRW-Perspektive

Fratzschers optimistische Botschaft ist: Deutschland hat starke Grundlagen – Rechtsstaat, starke Institutionen, eine solide Wirtschaftsstruktur und eine Tradition von Solidarität. Aber diese Stärken helfen nur, wenn wir sie in Geschwindigkeit übersetzen.

Der Mittelstand in NRW ist bereit, Verantwortung zu übernehmen: zu investieren, auszubilden, zu innovieren, umzubauen. Was wir brauchen, sind verlässliche Leitplanken, weniger Reibungsverluste und ein Staat, der ermöglicht statt bremst.